Sabine Eckhardt

CEO Central Europe BEI JLL


„Nur wer nichts ausprobiert, macht keine Fehler“

Sabine Eckhardt führt seit April vergangenen Jahres als Chief Executive Officer (CEO) beim internationalen Immobilienberatungsunternehmen JLL die Region Central Europe. Der Bereich umfasst neben Deutschland, der Schweiz, Österreich und den Niederlanden auch Skandinavien sowie Osteuropa. In dieser bei JLL neu geschaffenen Rolle verantwortet die 48-Jährige das operative Geschäft sowie die strategische Ausrichtung und treibt zugleich die Digitalisierung und Kundenfokussierung über Ländergrenzen hinweg voran. Zuvor verantwortete die gebürtige Bremerin die Bereiche Vertrieb und Marketing im Vorstand des Medienkonzerns ProSiebenSat.1 Media. Im Interview mit F!F spricht sie über Veränderungsprozesse bei JLL und die Notwendigkeit, Komfortzonen zu verlassen. 

F!F : Vor einem Jahr bist du an der Spitze bei JLL gestartet, also mitten im Pandemie-bedingten Lockdown…

 

Sabine Eckhardt: Ja, das war eine Herausforderung. Ich wollte Flagge zeigen und brannte darauf, meine Kolleg:innen und Mitarbeiter:innen kennen zu lernen. Als Neue muss man sich ja erst mal ein Netzwerk aufbauen. Intern, unter Kunden und in der Branche. Also hatte ich ab Ende Mai immer meine Turnschuhe dabei (lacht).

 

F!F: Das musst du erklären.

 

Sabine Eckhardt: Ich hatte eine Liste mit 60 Kontakten erstellt, die ich in den ersten drei Monaten treffen wollte. Schließlich habe ich weit mehr als 60 Spaziergänge durch Frankfurt gemacht, dabei interessante Gespräche geführt und die Stadt zu Fuß erkundet. In Business-Schuhen wäre das nicht möglich gewesen. Jeden Austausch habe ich genossen. Wechselnde Umgebungen bringen einen auf unterschiedliche Gesprächsebenen. 

 

F!F: Konntest du die Lockerungen im Sommer für das persönliche Netzwerken nutzen?

 

Sabine Eckhardt: Ja, neben den deutschen habe ich auch die internationalen Standorte besucht, die ich verantworte. Insgesamt sind es 13 Länder. Bis auf drei habe ich alle bereist. Dann kam im Dezember der zweite, strengere Lockdown, so dass ich vor allem im Homeoffice war.

Sabine Eckhardt, CEO Central Europe bei JLL,

Foto: © Jessica Schäfer


F!F: Neue Funktion und Arbeiten auf Distanz: Wie hat das geklappt?

 

Sabine Eckhardt: Es gab Tage, da habe ich es verflucht. Informelle Gespräche oder Diskussionen funktionieren einfach besser, wenn man gemeinsam an einem Tisch sitzt. An anderen Tagen wiederum war ich begeistert, wie effizient die Informationsvermittlung digital funktioniert. Ohne großen Zeitaufwand kann man große Gruppen mit derselben Botschaft erreichen. Wir brauchen beides, gerade in der Krisenkommunikation und auch bei Veränderungsprozessen: Auf der einen Seite beispielsweise die Video-Botschaft. Aber darüber hinaus eben auch den persönlichen Austausch, um die Leute mitzunehmen und  Vertrauen aufzubauen.

 

„Jetzt wäre genau der falsche Zeitpunkt, um in Ruhe zu verharren!“

 

F!F: Stichwort Veränderungsprozesse: Eine Branchenzeitung schrieb, bei JLL kehre keine Ruhe ein...

 

Sabine Eckhardt: Richtig, und jetzt wäre auch genau der falsche Zeitpunkt, um in Ruhe zu verharren! Wir haben in den vergangenen Monaten die Chance genutzt, uns strategisch neu auszurichten, um die Weichen für unsere ambitionierten Wachstumsziele zu stellen. Dies bringt natürlich auch organisatorische und strukturelle Veränderungen mit sich. Das nicht zu tun, wäre riskant. Ich bin stolz auf die Mannschaft, die das voll mitgetragen und durchgezogen hat. 

 

F!F: Was ist das Ziel dieser strukturellen Änderungen?

 

Sabine Eckhardt: Grundsätzlich geht es darum, unsere Kunden stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Investoren, Vermieter, Nutzer, große Konzerne sowie Mittelständler brauchen Antworten auf die unterschiedlichsten Fragestellungen, etwa: Was muss mein Büro künftig leisten und wie muss ein individuell passendes flexibles Arbeitskonzept aussehen? Wie müssen Strategien und Prozesse, beginnend bei der Planung von Objekten bis hin zum CO2- Footprint des gesamten Portfolios ausgestaltet sein, um Nachhaltigkeitsziele zu erfüllen? An welchen Stellen können Technologien und digitale Produkte eingesetzt werden, um Potenziale zu heben? Wie optimiere ich beim boomenden Online-Handel meine Supply Chain und welche Auswirkungen hat dies auf mein Immobilienportfolio? Somit weichen die Grenzen zwischen den Assetklassen Retail und Logistik auf. Wir bei JLL leiten aus diesen aktuellen Herausforderungen unserer Kunden ganz differenzierte und neue Beratungsansätze ab. 

 

F!F: Wie will JLL dem Rechnung tragen? 

 

Sabine Eckhardt: Zum einen gehen unsere Spezialisten-Teams auf die individuellen Bedürfnisse unserer Kunden ein. Zusätzlich ermöglicht unsere Neuausrichtung eine ganzheitlichere Kundenbetreuung mit JLL-weitem Qualitätsstandard. Je nach Bedarf verzahnen wir unsere Services eng miteinander und erfüllen damit die Wünsche unserer Kunden nach einer kompetenten, service-übergreifenden und innovativen Beratung. Eine agile Arbeitsweise ermöglicht es uns, flexibel Markttrends zu adaptieren, die unsere Kunden täglich vor neue Herausforderungen stellen. 

Sabine Eckhardt, CEO Central Europe bei JLL im Gespräch mit Anne Tischer (F!F), Foto: © Jessica Schäfer


F!F: Was ist das Ziel dieser strukturellen Änderungen?

 

Sabine Eckhardt: Grundsätzlich geht es darum, unsere Kunden stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Investoren, Vermieter, Nutzer, große Konzerne sowie Mittelständler brauchen Antworten auf die unterschiedlichsten Fragestellungen, etwa: Was muss mein Büro künftig leisten und wie muss ein individuell passendes flexibles Arbeitskonzept aussehen? Wie müssen Strategien und Prozesse, beginnend bei der Planung von Objekten bis hin zum CO2- Footprint des gesamten Portfolios ausgestaltet sein, um Nachhaltigkeitsziele zu erfüllen? An welchen Stellen können Technologien und digitale Produkte eingesetzt werden, um Potenziale zu heben? Wie optimiere ich beim boomenden Online-Handel meine Supply Chain und welche Auswirkungen hat dies auf mein Immobilienportfolio? Somit weichen die Grenzen zwischen den Assetklassen Retail und Logistik auf. Wir bei JLL leiten aus diesen aktuellen Herausforderungen unserer Kunden ganz differenzierte und neue Beratungsansätze ab. 

 

F!F: Wie will JLL dem Rechnung tragen? 

 

Sabine Eckhardt: Zum einen gehen unsere Spezialisten-Teams auf die individuellen Bedürfnisse unserer Kunden ein. Zusätzlich ermöglicht unsere Neuausrichtung eine ganzheitlichere Kundenbetreuung mit JLL-weitem Qualitätsstandard. Je nach Bedarf verzahnen wir unsere Services eng miteinander und erfüllen damit die Wünsche unserer Kunden nach einer kompetenten, service-übergreifenden und innovativen Beratung. Eine agile Arbeitsweise ermöglicht es uns, flexibel Markttrends zu adaptieren, die unsere Kunden täglich vor neue Herausforderungen stellen. 

 

„Um vielfältige Fragen zu beantworten, brauchen wir eine Vielfalt an Charakteren und beruflichen Werdegängen.“

 

F!F: Strategische und organisatorische Neuausrichtungen bedürfen einer entsprechenden Unternehmenskultur. Wie stärkt man diese Offenheit für Veränderungen in einer Organisation? 

 

Sabine Eckhardt: Wir haben es in den vergangenen Monaten erlebt: Corona hat Trends beschleunigt und bestehende Herausforderungen der Branche deutlicher hervorgehoben. Seien es flexibles Arbeiten, die Abhängigkeit von globalen Lieferketten, Nachhaltigkeitsthemen, der wachsende Online-Handel oder die Frage nach der Zukunft der Städte. Um hier Antworten zu liefern, brauchen wir in einer Organisation eine Vielfalt an Charakteren mit unterschiedlichen Fähigkeiten und beruflichen Werdegängen. Die habe ich bei JLL vorgefunden: Bauingenieur:innen, Architekt:innen, Makler:innen, Finanzinvestor:innen oder Daten-Analyst:innen. Das ist bunt und schön. Auf der anderen Seite hat es mich erstaunt, dass die Immobilien-Branche bisher so wenig Durchmischung mit anderen Branchen erlebt hat. 

 

F!F: Wie hat man dich als „Exotin“ aus der Medienbranche und mit geisteswissenschaftlichem Hochschulabschluss in Germanistik und Philosophie aufgenommen?

 

Sabine Eckhardt: Insgesamt mit offenen Armen, aber es gab natürlich auch Bedenkenträger. Meine Antwort: Erstens habe ich über 15 Jahre eine große B2B Sales-Organisation geleitet und das ist JLL als großes Beratungsunternehmen auch. Und selbstverständlich bedarf es neuer Impulse und der Bereicherung aus anderen Branchen. Diese Erkenntnis muss sich heute auch im Management widerspiegeln, das – branchenunabhängig – nach allgemeinen Fähigkeiten verlangt. Denn schließlich sind auch in der Immobilienbranche nicht Maschinen, sondern Menschen das wichtigste Kapital. 

 

„Ich musste immer neu denken. Das war auch anstrengend. Aber es hat mich flexibel und frei gemacht.“

 

F!F: Was bedeutet das für dich als Führungsverantwortliche?

 

Sabine Eckhardt: Mir geht es immer um die Frage: Wie kann man Menschen fördern und fordern, so dass sie ihre Komfortzone verlassen und neue Dinge ausprobieren? Wir brauchen Kolleginnen und Kollegen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, die bereit sind, ihre Expertise in anderen Geschäftsbereichen einzubringen. Allerdings beobachte ich in großen Organisationen oft eher die Angst, zu scheitern.

 

F!F: Warum herrscht gerade in großen Immobilienunternehmen oft eher die Angst vorm Scheitern als Pioniergeist?

 

Sabine Eckhardt: Die Immobilienbranche hat viele Jahre nur Erfolge gefeiert. Warum sollte man dann den Status Quo hinterfragen? Das ist verständlich. Ich komme hingegen aus einer Branche, die ständig genau dazu gezwungen war. In den vergangenen Jahren musste ich immer neu denken. Das war auch anstrengend. Aber es hat mich flexibel und freier gemacht. Denn dabei habe ich das Wichtigste gelernt: Wenn ich auf die Nase falle, stehe ich wieder auf und mache es besser. 

 

„Nach einer Niederlage loszulassen und mich neu auszurichten, hat mich in meiner Karriere immer weitergebracht und sogar erfolgreicher gemacht.“

 

F!F: Wann musstest du dich mal richtig durchkämpfen?

 

Sabine Eckhardt: Ein Beispiel aus meiner Studienzeit: Als Austauschstudentin bin ich nach Pisa gegangen, um an der Scuola Normale Germanistik zu studieren (lacht). Gut, es ging weniger um Literaturwissenschaften als um einen Ausflug in eine andere Kultur. Anfangs hatte ich es in Pisa nicht leicht. Das WG-Zimmer wurde mir abgesagt, der Literatur-Professor ließ seinen Kurs ausfallen, der Italienischkurs fand nicht statt. Da habe ich mir eine Rückfahrkarte für die Bahn gekauft, Pisa-München. Wenn es mir schlecht ging, sah ich dieses Ticket an und fragte mich: Ist es so unerträglich, dass ich zurückfahre? Oder gebe ich mir noch eine Woche? Am Ende wurde es die beste Zeit meines Studiums. Dieses Bahn-Ticket hatte ich bis vor kurzem immer als Talisman bei mir, jetzt ist es zerfallen. Es hat mich später bei meinen Entscheidungen immer an die Frage erinnert: Was kann mir eigentlich Schlimmes passieren?

 

F!F: Persönliche Niederlagen einzugestehen, ob privat oder im Job, erfordert Mut. 

 

Sabine Eckhardt: Ja, aber Niederlagen gehören zum Leben dazu. Wir alle fallen hin und sind enttäuscht, wenn uns etwas genommen wird. In diesen Momenten ist es gut, sich selbst zu fragen: Will ich wirklich daran festhalten oder akzeptiere ich, dass etwas endet und richte mich neu aus? Die Entscheidung loszulassen und neu anzufangen hat mich persönlich immer weiter gebracht und erfolgreicher gemacht. Diese Einstellung brauchen wir auch in Unternehmen: Jeder verdient Applaus, der aus seiner Komfortzone rausgeht. 

 

„Mit dem Spruch ,Die Frauen wollen nicht’ macht man es sich zu einfach.“ 

 

F!F: Brauchen Frauen für neue Aufgaben besondere Ermutigung?

 

Sabine Eckhardt: Zunächst geht es darum, Talente generell zu fördern und im Streben nach Vielfalt keine Fronten aufzubauen. Aber fairerweise muss man sagen: In vielen Unternehmen fehlen noch weibliche Vorbilder auf den Führungsebenen, die auch zeigen, wie ihre Tätigkeit im Einklang mit Privatleben und Familie gut funktioniert. Da finde ich es menschlich, wenn eine talentierte Kandidatin erst einmal Ermutigung – und vielleicht auch eine gewisse Begleitung, ein Coaching von der Seitenlinie – braucht. Das ist ein schöner Weg, damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Mit dem Spruch „Die Frauen wollen nicht“ macht man es sich hingegen zu einfach.

 

F!F: Bei JLL sind im vergangen Jahr einige weibliche Rollenvorbilder im Top-Management hinzugekommen, zum Beispiel mit dir, einer neuen Marketing- oder Personalchefin. Zeigt das Wirkung?

 

Sabine Eckhardt: Tatsächlich stellen wir fest, dass wir für Absolventinnen aus dem Immobilienbereich sehr attraktiv sind. Das verdanken wir neben unserer Internationalität sicher auch ein Stück weit der weiblichen Strahlkraft. JLL meint es ernst mit Frauen in Führungspositionen. Aber Ziel ist es nicht, mit aller Macht Frauen ins Management zu bringen. Genauso werden Männer gefördert, die Diversität vorleben und ein modernes Führungsverständnis ins Unternehmen einbringen. 

   

„Ich wähle genau aus, wo ich mit Leidenschaft meine Energie hineinstecke.“

 

F!F: Verrätst du noch den besten Rat, den du je in deiner Karriere bekommen hast?

 

Sabine Eckhardt: Der eine beste Rat fällt mir nicht ein. Aber ich habe mir eine wichtige Erkenntnis selbst erarbeitet: Pick your battles! Ich muss mich nicht in jede Debatte begeben. Sondern ich wähle genau aus, welche Diskussionen ich führe und wo ich mit Leidenschaft meine Energie hineinstecke. 

F!F: Und was war der schlechteste Rat?

 

Sabine Eckhardt: “Pass’ dich mehr deinen männlichen Kollegen an!“ Ich habe als Frau also zum Beispiel versucht, weniger zu reden und habe meinen Kleidungsstil geändert. Ich hatte nur noch graue Hosenanzüge an, von steingrau bis leberwurstgrau. Und am Ende war ich: eine graue Maus! Dann bin ich eines Tages aufgewacht und wusste: Das musst du ändern, das bist du nicht. Von da an habe ich meine Weiblichkeit wieder gelebt, nicht nur im Kleidungsstil. Das war sehr befreiend, und das habe ich beibehalten.

 

F!F: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Anne Tischer, redaktionelle Bearbeitung von Liane Borghardt.

Sabine Eckhardt, CEO Central Europe bei JLL, Foto: © Jessica Schäfer