Klara Geywitz

BundesMinisterin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen

„In der Veränderung liegt auch eine Riesenchance für Männer.“

Klara Geywitz, 1976 in Potsdam geboren, ist seit Dezember 2021 Ministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen in der Ampelregierung. Die SPD-Politikerin ist Mutter von einer Tochter und Zwillingssöhnen und lebt mit ihrem Partner in Potsdam.

Als jüngste von drei Töchtern einer Erzieherin und eines Lehrers wuchs Klara Geywitz in Seeburg an der Stadtgrenze zu Potsdam auf. 1994 trat sie der SPD bei. Von 2004 bis 2019 war sie Landtagsabgeordnete in Brandenburg und wurde 2019 zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD gewählt. Vor ihrer Ernennung zur Bundesbauministerin war sie in der Bauabteilung des Landesrechnungshofes Brandenburg tätig. 

 

Im Interview mit F!F sprach sie darüber, warum sie für die Quote ist und die Immobilien-Branche unbedingt weibliche Perspektiven braucht.

Bundesbauministerin Klara Geywitz


F!F: Frau Ministerin, was war nach Ihrem Amtsantritt Ihr erster Eindruck von der Immobilien-Branche?

 

Klara Geywitz: Ich habe festgestellt, dass hier noch ein dickes Brett zu bohren ist: Überall, wo man hinkommt, ist der Frauenanteil im Vergleich zur Politik noch mal deutlich geringer. In der Politik ist der höhere Frauenanteil das Resultat von Quoten bei den Parteien, die diese eingeführt haben. Sonst wäre das auch nicht so.

 

F!F: Also ein sehr männlich geprägtes Bild?

 

Klara Geywitz: Ja, die erste öffentliche Veranstaltung war ein Verbändetag, der eben mehrheitlich von Männern besucht war. Oder auf der Fachmesse Expo Real in München: Da hat man den Eindruck, man ist in einer Modeausstellung von Männern in blauen Anzügen. Rein optisch zeigt sich, dass wir in der Branche von 50:50 in den Führungsetagen noch meilenweit entfernt sind. 

 

„Das Bild wird in einer Generation sicher anders aussehen. Aber geduldiges Abwarten hilft nicht.“

 

F!F: Sie haben in Brandenburg für das letztlich gekippte Paritätsgesetz gekämpft, um Parteilisten für Wahlen gleichermaßen mit Männern und Frauen zu besetzen. Warum geht Gleichberechtigung nicht ohne Quote?

 

Klara Geywitz: Wir haben jetzt über 100 Jahre Frauenwahlrecht. Man konnte mehrere Jahrzehnte lang hoffen, dass sich der Anteil der Frauen in den Parlamenten dem Anteil der Frauen in der Bevölkerung annähern würde. Aber das ist nicht der Fall. Momentan ist die Entwicklung sogar rückläufig. Also kann man annehmen, dass sich die Unterrepräsentation von Frauen nicht von alleine ändert. 

Ein Gesetz der Physik lautet: Wo ein Körper ist, kann kein zweiter sein. Das heißt: Für mehr Frauen in den Parlamenten müssen ein paar Männer raus. Die Quote ist für die Verteilung ein starkes Instrument. Aber es gibt noch andere: Netzwerke, Vorbilder und die Bewusstseinsbildung, dass der Missstand überhaupt als solcher erkannt wird.

Bei meinen Gesprächspartnern in der Verbändeszene stelle ich fest: Sie haben verstanden, dass es ein Problem ist, nicht heterogen genug zu sein. Und dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, wenn Frauen oder zum Beispiel auch Menschen mit Migrationshintergrund bei ihnen mitwirken. Das Bild wird in einer Generation sicher anders aussehen. Aber geduldiges Abwarten hilft nicht.

 

F!F: Weshalb braucht die Immobilien-Branche mehr Diversität in den Führungsebenen, speziell die weiblichen Perspektiven?

 

Klara Geywitz: Weil man dann die Bedürfnisse der Hälfte seiner Kundschaft besser versteht! Zum Beispiel leben sehr viele Frauen gerade im Alter alleine. Aber für diese Gruppe gibt es nur wenige Angebote auf unserem Immobilienmarkt. Bei der Produktentwicklung ist es also ganz wichtig, nicht nur die männliche Perspektive zu haben, sondern auch die weibliche. 

Das gilt nicht nur für den Bauplanungsbereich, sondern für die gesamte Stadtentwicklung. Wir denken heutzutage bei der Stadtplanung zum Beispiel viel mehr an unterschiedliche Fortbewegungsmittel als früher: Wir diskutieren über die autogerechte Stadt, die ÖPNV-gerechte Stadt, die Stadt für mehr Fahrradfahrer. Aber dass es eine Stadt gibt, die für Männer und für Frauen attraktiv sein könnte – das ist eine ganz kleine Nebendebatte. Wenn man darauf hinweist, dass es bei der Stadtplanung auch einen Gender-Aspekt gibt, denken die meisten, man redet über Frauenparkplätze. Aber dahinter steckt viel mehr: Da Frauen beispielsweise immer noch mehr Care-Arbeit übernehmen als Männer, haben sie ganz andere Bewegungsmuster.

 

„Ich bin ein schlechter Gradmesser für die Frage, wie frauenfreundlich die Branche ist.“

 

F!F: Wie treiben Sie das Thema mehr Frauen in Führung in der Branche voran?

 

Klara Geywitz: Also zum einen kann ich als Ministerin das Thema stärken, indem ich mich um die Anliegen von Frauen in dem Bereich kümmere. Ich bin aber zugleich ein schlechter Gradmesser für die Frage, wie frauenfreundlich die Branche ist. Als Bundesbauministerin erlebt man immer eine hundertprozentig wertschätzende Kommunikation. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir einen blöden Spruch anhören muss, ist sehr gering.

Aber wie gesagt: Viele in der Branche haben es inzwischen als problematisch erkannt, zu gleichartig zu rekrutieren. Auch mit Blick auf die Fachkräfte der Zukunft.

 

F!F: Gemischte Führungsetagen und entsprechende Unternehmenskulturen sind für alle attraktiver?

 

Klara Geywitz: Ja. Meiner Erfahrung nach ist es für die ersten zehn bis 15 Prozent Frauen am schwierigsten. Denn bei einer hundertprozentig männlichen Führungsriege in einem Unternehmen werden Frauen sich sehr gut überlegen, ob sie dorthin gehen. Gibt es hingegen auch andere Frauen in Führungspositionen, sind sie eher überzeugt. Deswegen empfehle ich zum Beispiel auch für unsere großen Immobilienmessen: Reine Männer-Panels vermeiden. Gemischte Panels müssen einfach gesetzt sein.

 

„In der Veränderung liegt auch eine Riesenchance für Männer.“

 

F!F: Manche missverstehen Frauenförderung als Benachteiligung von Männern.

 

Klara Geywitz: Na ja, 70, 80 Prozent Männer in Führungspositionen können nicht Resultat einer reinen Exzellenz-Auslese sein. Das würde der Gaußschen Normalverteilung widersprechen. Außerdem glaube ich, dass mittlerweile sehr viele Männer eine Riesenchance darin sehen, wenn sich die Arbeitswelten ändern. Die heutigen Väter wollen ihre Kinder nicht mehr nur zum Gute-Nacht-Kuss sehen. Sondern vielleicht auch ein, zwei Nachmittage in der Woche mit ihnen verbringen. Sie haben das Bedürfnis nach anderen Arbeitszeitmodellen als der 60-Stunden-Woche, in der man abends noch mit seinen Kollegen in die Pizzeria geht und den Tag auswertet. In der Veränderung liegt also auch eine Riesenchance für Männer.

 

F!F: Sie sind in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Gibt es Erfahrungen, die bis heute die Bundesbauministerin Klara Geywitz prägen?

 

Klara Geywitz: Im Westen ist meine Generation die erste, die überhaupt die Chance hat, Familie und Beruf zu vereinbaren, weil es so etwas wie eine Betreuungsinfrastruktur gibt. Das ist bei Frauen aus dem Osten anders: Wir leben die Biografie unserer Mütter, wenn wir arbeiten gehen und Kinder haben. Das prägt natürlich extrem. Bei mir zu Hause hatten wir den Vorteil, dass unser Vater Lehrer war und nachmittags viel mit meinen beiden älteren Schwestern und mir machen konnte.

Das Andere ist: Seit ich denken kann, habe ich die Stadtentwicklung von Potsdam mit begleitet. Ich habe als Kind gesehen, wie viel historische Bausubstanz ruiniert oder kurz vor dem Zusammenbruch war. Und nicht nur die Potsdamer Innenstadt, sondern viele historische Innenstädte in Ostdeutschland, die nach der Wende mit sehr viel Geld und Liebe wiederaufgebaut worden sind. Das hat bei mir eine hohe Sensibilität dafür geweckt, welche Mittel man für den Unterhalt von Gebäuden benötigt.

 

„Während Frau sich noch hinterfragt, haben schon zwei Männer gesagt: Ich kandidiere.“

 

F!F: Erinnern Sie sich an politischen Austausch zu Hause?

 

Klara Geywitz: Wir haben zu Hause viel über Politik gesprochen. Mein Vater war in der SED, aber sehr locker. Wir durften zum Beispiel auch West-Fernsehen gucken. Wir sind direkt an der Grenze zur Berliner Mauer aufgewachsen. Meine Mutter kannte Berlin noch aus der Zeit vor dem Mauerbau und hatte diesen als große persönliche Einschränkung erlebt. Das hat bei ihr zu einer großen Distanz zu diesem DDR-System geführt.

 

F!F: War es für Sie deshalb früh selbstverständlich, politische Verantwortung zu übernehmen?

 

Klara Geywitz: Meiner Erfahrung nach hinterfragen die meisten Frauen sich zu sehr und trauen sich Dinge eher nicht zu, weil sie sich zum Beispiel nicht qualifiziert genug finden. Das passiert bei Männern ganz selten. Und während Frau sich noch hinterfragt, haben schon zwei Männer gesagt: Ich kandidiere. Warum auch immer bin ich relativ furchtlos in solchen Situationen und habe öfter mal meinen Hut in den Ring geworfen. Das hat sehr gut geklappt, und ich bin schon mit 28 Jahren Landtagsabgeordnete geworden. Dann nahm das Leben seinen Lauf, nichts war streng geplant. Das kann man in der Politik sowieso nie, weil man von zu vielen externen Ereignissen abhängig ist.

 

„Wir haben nicht nur Probleme mit der Gleichstellung von Frauen und Männern, sondern auch mit der Repräsentanz von Ostdeutschen in Spitzenpositionen.“

 

F!F: Sie sind sie auch so entspannt mit Niederlagen umgegangen, die in exponierter Stellung dazu gehören?

 

Klara Geywitz: Ich bin ja auch Mutter von Zwillingen, und als sie klein waren, habe ich gelernt, zu fragen: Was ist jetzt wirklich schlimm? Wenn man Politik macht, bestehen die vermeintlichen Dramen häufig entweder aus negativer Medien-Berichterstattung, oder man bekommt einen Posten nicht, den man hätte haben wollen. Das in Relation zu einem kranken Kind oder Angehörigen ist definitiv nicht schlimm.

 

F!F: Prägt die ostdeutsche Perspektive bis heute Ihre Politik?

 

Klara Geywitz: Zum einen hatte ich eine große Chance, beim Aufbau des Ministeriums auch Menschen aus Ostdeutschland zu unterstützen. Wir haben nämlich nicht nur Probleme mit der Gleichstellung von Frauen und Männern, sondern auch mit der Repräsentanz von Ostdeutschen in Spitzenpositionen. Bei mir im Ministerium sind zum Beispiel 50 Prozent der Abteilungsleiterinnen und -leiter aus Ostdeutschland. Das gibt es sonst nirgendwo. 

Und natürlich habe ich mir bewahrt, was es mit Menschen macht, wenn sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben oder in ihrer Region Verluste erleben. 

 

„Personalabteilungen schauen erst mal nach Ähnlichkeiten.“

 

F!F: Woher rührt die Unterrepräsentanz von Ostdeutschen in Spitzenpositionen? Ähnlich wie bei Frauen kann man wohl kaum sagen: Die wollen nicht?

 

Klara Geywitz: Da wirken im Grunde dieselben Mechanismen. Einmal das so genannte Matthias-Prinzip. Das heißt, Personalabteilungen schauen erst mal nach Ähnlichkeiten. Hinzu kommen Netzwerke: So wie ein CSU-Minister aus Bayern rekrutiert, habe ich auch überlegt, wen kenne ich, wer könnte das gut machen? Und natürlich sind mir dann auch Ostdeutsche eingefallen. 

 

F!F: Für die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben teilen sich in manchen Unternehmen zwei Führungskräfte einen Posten. Können Sie sich das auch an der politischen Spitze vorstellen?

 

Klara Geywitz: Mein Vorgänger im Amt des Bauministers, Horst Seehofer, hat sich ja nicht nur um den Baubereich gekümmert, sondern auch die Innere Sicherheit in Deutschland garantiert. Mit den entsprechenden Phänomenen, dass für beides zu wenig Zeit geblieben ist. Gerade im Bau-Bereich hat man sich in den letzten Jahren sehr vernachlässigt gefühlt. Deshalb bereise ich jetzt so intensiv das ganze Land. 

Realistische Größen, was ein Mensch verantworten kann, sei es ein älterer Mann oder eine Familienmutter: Das ist das eine. Auf der anderen Seite ist man als Ministerin immer letztverantwortlich. Und diese Verantwortung kann man weder abgeben, noch einfach richtig teilen. Wir machen jetzt sehr viele Fortschritte, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie anbelangt. Aber bei der Spitzenpolitik ist es nicht so kalkulierbar, dass man sagen kann: Nach 40 Stunden fällt der Hammer. Sondern es gibt immer Ereignisse, Gesetze, die fertig werden müssen, Krisen-Reaktionen, die man nicht aufschieben kann. Und natürlich Erwartungshaltungen von Menschen, die einen einladen. 

 

„Heute haben wir das Ziel, flächensparend und ökologisch zu bauen.“

 

F!F: Sie sind mit dem Plan 400.000 neue Wohnungen pro Jahr angetreten, 100.000 davon sozial gefördert. Können Sie trotz Ukraine-Krieg, steigenden Energiekosten und Bauzinsen sowie Fachkräftemangel daran festhalten?

 

Klara Geywitz: Man muss erst mal analysieren, wo das Problem ist. Wenn wir in das Jahr 2021 zurückblicken: Da hatten wir extrem niedrige Zinsen, es gab den schrecklichen Krieg noch nicht mit allen Verwerfungen bei den Energiekosten, und wir hatten eine auslaufende milliardenschwere Förderung für EH 55-Bauten. Trotzdem sind wir unter 300.000 neuen Wohnungen geblieben. Das heißt, die Probleme heute sind nicht alleine die Erklärung, warum die 400.000 Wohnungen so eine Herausforderung sind. Wir müssen viel eher die Frage beantworten: Wie können wir bei gegebener Anzahl von Menschen auf unseren Baustellen die Produktivität ausweiten? Denn ich gehe nicht davon aus, dass in Zukunft wesentlich mehr Bauarbeiter:innen auf unseren Baustellen sein werden. Deswegen setze ich zum Beispiel sehr auf die Potenziale von seriellem Bauen. 

Das Andere ist: Gerade als Sozialdemokratin möchte ich nicht, dass durch die Neubauförderung Neubauten entstehen, deren Durchschnittsmiete wesentlich über dem Bestand liegt. Deswegen habe ich einen starken Fokus auf die Sozialwohnungsunterstützung gelegt. Das wurde über Jahre zu wenig gemacht. Und mit einem großen Programm von 500 Millionen Euro unterstützen wir insbesondere Auszubildenden- und Studenten-Wohnheime. Denn gerade Azubis haben es auf unserem Wohnungsmarkt schwer. 

 

F!F: Vertragen sich serielles Bauen und schönes, umweltfreundliches Wohnen?

 

Klara Geywitz: Die Neubauten, die in den 70er und 80er Jahren in Ost wie West gebaut wurden, waren in der Zeit durchaus beliebt. Aber heute würde man das natürlich nicht mehr so machen. Man hat damals ja auf der grünen Wiese gebaut, häufig in Monostruktur und sich später gewundert, dass man städtebaulich einen Missstand hat. 

Heute haben wir das Ziel, flächensparend und ökologisch zu bauen und in die bestehende Siedlungsstruktur zu integrieren. Das geht zum Beispiel über Dachaufstockung sehr gut. Außerdem müssen wir unsere Sanierungsquote steigern. Das wird auch nur gehen, wenn wir seriell vorproduzieren.

Ich darf nicht für einzelne Hersteller werben. Aber wenn Sie sich die modernen Produkte aus dem Bereich angucken, da tut sich gerade ganz viel, in dem Markt wird heftig investiert. Ob das Kollegen in der Schweiz sind oder in Polen. 

 

F!F: Wo möchten Sie in einem Jahr mit Ihren Projekten stehen?

 

Klara Geywitz: Wir werden das Baugesetzbuch anfassen, um die Themen Anpassung an den Klimawandel und Digitalisierung im gesamten Baubereich voranzutreiben. Wir werden hoffentlich eine gut ausgestattete Wohngemeinnützigkeit etabliert haben, durch die dauerhaft preiswerte Wohnungen am Markt sind, und auch den Aktionsplan zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit. Ein Thema, das besonders Frauen betrifft – wenn auch nicht sichtbar.

 

F!F: Wir danken für das Gespräch.

 

Das Interview führten Liane Borghardt und Anne Tischer.